Kris schreibt – szenografisches Storytelling


“Kris schreibt” ist das Masterabschlussprojekt von Karen Dierks, Miriam Everaers und mir im Studienfach Szenografie und Kommunikation.

Dabei handelte es sich um einen szenografischen Erlebnisraum, der je zwei Besucher durch eine etwa 60-90 Minuten lange interaktive Story begleitete. Das realisierte (natürlich unkommerzielle) Projekt war für mehrere Wochen in der FH Dortmund aufgebaut.

In dem authentischen Arbeits- und Schlafraum des fiktiven Autoren Kris lernten die Besucher seinen Bewohner durch den Raum selbst, frei lesbare Texte und eingespielte Szenen kennen, bei denen Audio- und Lichtinstallationen aufeinander abgestimmt waren. Das künstliche Fenster war eine von uns als Gamemaster gesteuerte und programmierte LED-Einheit, zudem gab es später vom Besucher nutzbare Lichtquellen, raumfüllendes Schwarzlicht und diverse lokal eingesetzte LED-Beleuchtungen.

 

 

Im Unterschied zu z. B. einem Escape Room setzte “Kris schreibt” nicht auf Zeitdruck oder “Eingeschlossensein”. Die Rätsel- und Spielmechaniken dienten vor allem dem deutlichen Schwerpunkt, die Story zu erzählen und den Besuchern ein hochimmersives Erlebnis zu bieten, das persönlich auf sie zugeschnitten war. Die Besucher wurden während des Durchlaufs in Echtzeit über installierte Kameras beobachtet. Durch unser aktives Reagieren und Bedienen einer programmierten Szenen-Oberfläche (Licht/Sound) sowie eine physikalische Manipulation des Raumes von außen arbeitete der Erlebnisraum mit den Besuchern mit. Er passte sich deren Geschwindigkeit und Erfahrungen an. Auch bei Problemen oder Belohnungssituationen konnten entsprechende Szenen abgespielt werden.

 

 

Die Inszenierung durchlief mehrere, unterschiedliche Schichten. Zuerst lernten die Besucher Kris kennen, der (oder die) nach einem Erstlingserfolgsroman nun verlaglichen Druck, Geldsorgen und zudem auch noch eine ernste Schreibblockade hatte.

Das Auffälligste war die “Ideenwand”, eine Art Brainstorming von Kris zu seinem neuen Roman “365”. Hier lernten die Besucher Sam kennen, die Protagonistin – selbst Autorin, welche durch einen Fluch in ihren Roman fallen sollte. Auch fanden sich überall Kris’ Planungen und Möglichkeiten für die Welt, die Probleme, die Menschen und die Lösungen in der Romanwelt. Eine leere Pinnwand mit den entsprechenden Markierungen wies darauf hin, dass die finalen Entscheidungen noch nicht getroffen worden waren.

 

 

Durch den Laptop lernten die Besucher die ersten, bereits feststehenden Kapitel des neuen Romans kennen und gelangten an den Punkt, an dem Kris’ Entscheidungslosigkeit begann– die Schreibblockade. Die Besucher tauchten dann tiefer in die düstere Schicht von Kris’ Problemen ein – begleitet von Schwarzlicht, das seine Gedanken (und auch das Raumziel) offenbarte. Durch Spielmechaniken und romannahe Inszenierungen sammelten sie Karten für die Pinnwand ein, wurden von der die vierte Wand durchbrechenden Sam kontaktiert und von ihr aufgefordert, eine Lösung zu finden: “Kris, entscheide dich jetzt!”. Die Lichtfarbe änderte sich zu einem tiefen Tintenblau.

 

 

Die Sammelkarten ließen 81 Kombinationsmöglichkeiten zu, sodass die Besucher ihre favorisierte Geschichte zusammenstellen konnten. Als die Entscheidung getroffen war, bekam man die Fluch-Schreibfeder, ein allgegenwärtiges und oft beschriebenes Objekt, das aus Sams Geschichte nun in den Realraum gelangt war und angefasst werden konnte. Dann wurde ein Aha-Moment von Kris inszeniert, gefolgt von einem Unfall, bei dem er sich den Kopf stieß. Ein tintenfarbender Fleck an der Wand, welcher in mehreren Medien im Raum vorkam, verriet die Kopfverletzung.

Die Besucher hatten sich nicht nur in die Probleme des Autoren eingefühlt, sie hatten sie übernommen und selbst den Roman geschrieben. Aus Besuchern wurden letztendlich Hauptprotagonisten, und die finale Inszenierung eröffnet, dass sie tatsächlich Kris gewesen sind – sein Unterbewusstsein während seiner Ohnmacht.

Interessant und schön dabei war, dass das Ende auch anders interpretiert werden konnte und wurde. Kris sei vielleicht in seinen eigenen Roman gefallen, so wie Sam, oder dass Kris und Sam dieselbe Person waren, oder dass Kris eigentlich verstorben war. Anspielungen für Interpretationen aller Art waren im Raum auffindbar, und es lag an den Besuchern, ihr Erlebnis zu deuten.

 

 

Die Kris-Besucher erhielten zum Abschluss ein tintenbekleckstes Blatt Papier mit einer Kurzzusammenfassung ihres eigenen Romans “365”. Gab man seine E-Mail-Adresse an, bekam man die ausgeschriebene Geschichte als PDF oder E-Book zugeschickt. Wir hatten alle Kombinationen (Welt-Menschen-Problem-Lösung, jeweils dreimal – jede von uns hatte ihre eigene, “reine” Hauptgeschichte, hier blau, grün und pink) ausformuliert, wobei Geschichtsvarianten mit je ca. 40–70 Seiten entstanden sind.

 

 

 

Weitere Einblicke, Hintergründe, Videos und Informationen zu unserer Masterarbeit “Kris schreibt – szenografisches Storytelling” finden Sie auf Facebook.

 

Betreuung: Prof. Oliver Langbein und Prof. Pamela Scorzin, Fachhochschule Dortmund

Grafiken, Fotos, Videos: Karen Dierks, Miriam Everaers, Vanessa Inckemann und Christoph Wisniewski

Konzept: Karen Dierks, Miriam Everaers und Vanessa Inckemann

Großen Dank an alle Sprecher, Tester, Besucher, Unterstützer unserer Indiegogo-Kampagne und Helfer, besonders Maria Dierks, Andreas Girlich, Christian Gresser, Andreas Skowron, Christoph Wisniewski und Wolfgang Zeh, ohne die das Projekt nicht hätte realisiert werden können.